Leben

Die abstruse Welt der Aquarienfische

Jakob Schmitt30. Juni 20263 Min Lesezeit

Aquarienfische sind nicht nur lebendige Dekorationen, sondern auch das ständige Risiko einer elenden Wasserpest. Ein tiefgründiger Blick auf das Unterwasserleben.

Die Faszination für Aquarienfische ist tief verwurzelt, und doch, bei näherer Betrachtung, entpuppt sich die Welt der Aquarien unter Wasser als ein wahres Mikrokosmos des Chaos. Ein Sechseck-Aquarium wirkt auf den ersten Blick wie eine Idylle, scheint die perfekte Harmonie der Farben, der Formen und der Bewegungen zu verkörpern. Doch bereits beim Einrichten stellen sich die ersten Fragen: Wie viele Fische sind denn nun wirklich ideal für diese kleine Wasserwelt? Einmal zu viel nachgelesen, und die vermeintlich klaren Antworten verschwimmen in einem Morast aus verschiedenen Meinungen und Ratschlägen, von denen viele kaum einen klaren Gedanken fassen können.

Wählt man die falschen Fische, haben wir nicht nur ein ästhetisches Problem, sondern auch ein ethisches. Die Vorstellung, dass die bunten kleinen Wesen, die wir als lebendige Deko einstufen, ein eigenes, eher langweiliges Universum besitzen, wird oft verkannt. Jeder Fisch hat seine eigene Persönlichkeit, seine eigene Kleinigkeit, die ihn über die fungible Rolle des Aquarienbewohners erhebt. Doch wer einmal erlebt hat, wie ein kleiner Zwergbuntbarsch den größeren Konkurrenten aus dem Territorium jagt, der versteht, wie schnell die Idylle im Aquarienwasser zur Farce verkommt.

Die Aquaristik hat noch eine andere Seite, die rar besprochen wird. Das Thema Futterbeschaffung ist minimalistisch betrachtet einfach, aber der Teufel steckt wie immer im Detail. Die Frage, ob man flüssige Futterpaste, getrocknete Flagen oder Lebendfutter verwenden soll, ist das eine — die Haussperrtäuschung, die uns als Tierliebhaber ständig umkreist, ist ein anderes. Wer schon einmal beim Kauf von Lebendfutter die durchsichtigen Beutel mit lebhaften Mückenlarven gesehen hat, weiß, dass der Weg zur Fütterung der eigenen Fische über die entblößenden Anblicke eines eher leidvollen Umgangs mit Nahrungsmitteln führt.

Wie sieht es jedoch mit der Pflege aus? Ein wöchentlicher Wasserwechsel, das sorgfältige Messen von pH, Nitrat, Ammoniak und Wasserhärte, das klingt fast nach einem botanischen Hobby. Aber auch hier sind die Hürden zu überwinden, und die Dynamik von Nitrit und Nitrat ist ebenso schwer zu verstehen, wie die Beziehung zwischen einer vollständig unauffälligen Guppy-Herde. Verstärkt wird das Ganze durch das Phänomen der sogenannten Wasserpest: Ist das Wasser nicht perfekt, können die Pflanzen, die eigentlich das Bindeglied zwischen Fisch und Aquarianer darstellen sollten, in eine üppige, unkontrollierbare Plage übergehen. Wer im Begriff ist, ein paar Fische in sein Leben zu lassen, muss sich also auf ein ständiges Wettrüsten gegen Algen und Fäulnis einstellen.

Man könnte allerdings argumentieren, dass das alles nur umso mehr zur Faszination des Fisches als Haustier beiträgt. Es ist eine Art Lebensschule, wo die Lektionen in Geduld und Annahme von Niederlagen zum täglichen Begleiter werden. Das Rascheln des Filters wird bald zur beruhigenden Melodie des häuslichen Lebens, während das Gurgeln des Wassers den Versuch eines ruhigen Rückzugs symbolisiert. Vielleicht ist das ein bisschen esoterisch, aber der Mensch neigt nun einmal dazu, den Alltag in schillernden Farben sichtbar zu machen. Nur stellt sich die Frage, ob der Mensch selber nicht das größere Tier in dieser Konstellation ist.

Die Frage ist also nicht nur, ob Fische wirklich scheiße sind, sondern eher, was die Menschen in ihr Angesicht betrachten, wenn sie durch das Glas schauen. Es gibt, das sei hier erwähnt, auch wirklich viele Fischliebhaber, die ihre ganz eigene Philosophie des Wassers leben und hegen. Sie schöpfen aus dem tiefen Reservoir ihrer Leidenschaft, und die Fische sind für sie nicht nur Fische — es sind Freunde, Seelenverwandte, da sie niemals ihren Unmut äußern. Der Mensch hingegen ist der Lautere von beiden, dessen Leben oft genug in der Klärung des Wassers versinkt, während die Fische einfach weiter schwimmen, selbst wenn es nicht nach ihren Vorstellungen läuft.

Somit bleibt es bei der Frage, ob Fische wirklich empörend oder nur der Spiegel unserer eigenen Paradoxien sind. Denn während wir angestrengt versuchen, unsere Aquarien zu verstehen, spiegeln sie oft das wider, was in unserem Leben schief läuft. Am Ende ist das Aquarium letztlich ein eindringliches Bild unserer eigenen Unsicherheiten, die uns dazu anregen, über die Absurdität des Lebens nachzudenken, während wir die kleinen Farbtupfer im Glaskasten betrachten.

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